Der Dia de los Muertos in Guatemala – culture clash total?!
Dieser Artikel erhielt 10/2021 ein Update.
Vorab-Anmerkungen: Der Día de los Muertos in Guatemala fand 2020 aufgrund der Covid-Pandemie nicht statt. Auch für 2021 sind keine Veranstaltungen auf den Friedhöfen genehmigt. Die Covid-Ampel des Landes ist in vielen Gemeinden derzeit auf rot oder orange. Anhand dieser Farbe ergibt sich die Anzahl an Personen, die einen bestimmten Ort besuchen dürfen. Auch wenn es theoretisch möglich wäre, aufgrund der großen Fläche eine bestimmte Personenanzahl zu erlauben, haben viele Gemeinden beschlossen, ihre Friedhöfe über den Feiertag vollständig zu schließen.
Der Dia de los Muertos in Guatemala – oder: Allerheiligen in Guatemala
Am 1. November ist der Dia de los Muertos in Guatemala*. Es ist ein Tag, der zu den wichtigsten kulturellen und religiösen Festen in Guatemala zählt.
Nicht nur in Guatemala wird am 1. November mit Allerheiligen der Verstorbenen gedacht, sondern natürlich (nahezu) überall auf der Welt. Aber im Unterschied zu Allerheiligen in Deutschland wird der Dia de los Muertos in Guatemala anders gefeiert.

Der Tradition zufolge werden in jeder Familie einzigartige Gerichte zubereitet. Neben traditionellen Süßigkeiten und anderen typischen Köstlichkeiten wird an diesem Tag Fiambre gegessen, eine Art kalter Salat, der aus mehr als 50 Zutaten (Fleisch, Wurst, eingelegtes Gemüse, Käse) besteht. Fiambre geht zurück auf eine Mayatradition: Die Familie versammelte sich um das Grab des Verstorbenen und aß dort Gerichte, bei denen eine Erwärmung nicht notwendig war.

Neben kulinarischen Traditionen besuchen die Familien am Dia de los Muertos in Guatemala Friedhöfe, statten die Gräber mit bunten Blumenarrangements aus oder streichen die Grabsteine mit knallig bunten Farben frisch an.
In einigen Teilen des Landes – dort, wo es der Wind zulässt – werden auf den Friedhöfen auch Drachen steigen gelassen. Der Wind und das Klima nämlich bieten zum Jahresende in Guatemala die idealen Bedingungen.
Zwei Orte sind für das Steigenlassen der Drachen am Dia de los Muertos in Guatemala bekannt – Sumpango und Santiago Sacatepequez.

Die Tradition der Drachen am Dia de los Muertos in Guatemala
Die allerersten Drachen in Guatemala wurden irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts von Chinesen gebastelt. Zu diesem Zeitpunkt waren diese noch sehr klein. Dennoch flogen sie zum Dia de los Muertos bereits über die Gräber, denn die Menschen glaubten daran, dass die Drachen als Instrument zur Kommunikation zwischen Lebenden und Verstorbenen dienten.
Erst knapp einhundert Jahre später, im 20. Jahrhundert, schlug der damalige Präsident des Landes Guatemala den Einwohnern von Santiago vor, größere Drachen zu bauen als die bisherigen. Diese wurden schließlich so groß, dass es unmöglich war, sie zum Fliegen zu bringen.
Mein Besuch in Santiago Sacatepequez
Ein Friedhof war noch nie ein Ort, den ich besonders gerne aufgesucht habe. Für mich ist das ein Ort der Stille. Ein Ort der Trauer. Ein Ort der Erinnerung. Ein Ort der Besinnung. Und schöne Momente habe ich bisher noch auf keinem einzigen Friedhof erlebt.
Als ich jedoch an diesem Vormittag meine ersten Schritte über den Friedhof von Santiago gehe, umgibt mich eine völlig andere Stimmung. Es ist laut. Die Menschen sind ausgelassen. Ich sehe Menschen, die Bier- oder Colaflaschen in der Hand halten und sich zu prosten. Ich sehe Menschen, die auf Grabsteine klettern – oder bereits auf ihnen sitzen und von dort oben Fotos schießen oder Selfies machen. Der Duft von gegrilltem Fleisch und gedünsteten Maiskolben hängt in der Luft.
Ich habe Mühe, mir meinen Weg Richtung der riesigen Drachen zu bahnen. Meine ganze Konzentration liegt darauf, nicht über einen Grabhügel zu laufen. Vorsichtig und langsam bahne ich mir meinen Weg. Bedächtig. Ehrfürchtig. Und vor allem auffällig.
Denn so wie ich – das wird mir relativ bald klar – läuft hier niemand über diesen Friedhof. Und das Ausweichen der Grabhügel ist ein wahrlich sinnloses Unterfangen. Die Kanonenschüsse setzen schließlich ein. Die Geräuschkulisse wird lauter. Der erste der riesigen Drachen wird aufgestellt. Und weil ich unbedingt sehen will, wie diese Aufstellung vor sich geht, vergesse ich für einen Moment komplett, wo ich bin.
Dann passiert es: Ich stolpere in einen Grabhügel hinein. Eine Guatemaltekin reicht mir ihre Hand. Cuidado, chica! Sie lächelt. Ich lächle zurück, schaue auf den Grabhügel unter mir, schaue sie an. No te preocupes! Todo bien. [Mach‘ dir keine Sorgen. Alles gut!]
So einfach ihre Worte scheinen – bei mir bewirken sie eine ganze Menge. Sie bewirken ein Umdenken. Ein komplett anderes Gefühl. Sie bewirken, dass auch ich mich schließlich mit einem Bier und einer Zigarette an den Rand eines Grabsteins setzen und das bunte Treiben nicht nur beobachten sondern auch Teil von ihm werden kann…

Sumpango oder Santiago Sacatepequez – welcher Ort eignet sich für den Dia de los Muertos in Guatemala am besten?
Das hängt ganz davon ab, was du möchtest. Sumpango ist durchaus bekannter, in Bezug auf die Infrastruktur besser ausgebaut, hat mehr riesige Drachen, ist aber auch weitaus touristischer. Santiago Sacatepequez dagegen ist zwar ebenso sehr sehr gut besucht, aber was du hier weitaus weniger triffst, sind europäische oder amerikanische Touristen. Außerdem ist Santiago Sacatepequez aufgrund der Tatsache, dass es auf dem städtischen Friedhof stattfindet, örtlich eher begrenzt und findet ausschließlich auf dem Friedhof statt.
*Der Dia de los Muertes 2020 wird aufgrund von Covid leider ausfallen, denn die Friedhöfe in Guatemala sind noch bis auf Weiteres geschlossen und Veranstaltungen mit einer größeren Menschenmenge nach wie vor verboten!