Über das Reisen

In den letzten Wochen habe ich viel über meine Reise-Erlebnisse geschrieben, meine Eindrücke geteilt, viele von euch zum Lachen gebracht – was ich jedoch nie beschrieben habe, ist, wie mich das Reisen in den letzten Jahren eigentlich verdorben hat. Mein Leben ist ruiniert. Das ist allein auf das Reisen zurückzuführen. Ich bin zu einem hoffnungslosen Fall geworden, zu der Person, vor der dich deine Mutter immer gewarnt hat und bei der sich keiner mehr traut nachzufragen, was aus mir noch werden soll, denn bei mir ist Hopfen und Malz verloren.

Warum mich das Reisen so verdorben hat:

Das Reisen lässt mich nicht mehr nur schwarz und weiß sehen und denken, sondern in Grauzonen.

Vor dem Reisen konnte ich mir viel schneller, leichter und naiver festgefahrene Meinungen von anderen aneignen, sie einfach ohne Reflektion übernehmen, Vorurteile weiter breit treten, mir Luxusprobleme aneignen. Ich wusste einfach nicht, wie andere Menschen auf anderen Kontinenten und in anderen Ländern leben, was ihre Sorgen sind und womit sie tagein, tagaus zu kämpfen haben. Heute muss ich mir Sorgen über meinen Blutdruck machen, weil er nicht mehr in die Höhe schießt, wenn in Deutschland, dem Wohlstandsland, dem Grundversorgungsparadies, etwas passiert, denn diese Dinge erscheinen mir nichtig, wie Kleinigkeiten. Ich kann mich gar nicht mehr richtig heftig aufregen. Wie enttäuschend. Wie doof.

Das Reisen hat dafür gesorgt, dass ich an vielen Dingen wortwörtlich Geschmack verloren habe.

Die sogenannten exotischen Restaurants in Deutschland – ich denke an den Mexikaner, Thailänder oder Spanier und dergleichen – schmecken mir nicht mehr. Das Essen dort ist mir zu fade. Früher bin ich häufig in solche Restaurants gegangen, weil ich in diesen exotischen Hochgenüssen schwelgen, mir etwas Gutes tun, mich mal richtig verwöhnen lassen wollte. Durch das Reisen habe ich erfahren, wie die Landesküche tatsächlich schmeckt, so dass ich auf die exotischen Restaurants in Deutschland liebend gerne verzichte. Auf ‚pampered chairs‘ (wie nennt man das auf Deutsch?!), die im schlimmsten Fall vielleicht auch noch mit Stoff bezogen sind, mit ordentlich Sitzbezug für den Po, riesigen Arm- und Rückenlehnen in geradezu steril wirkender Umgebung will ich auch nicht mehr sitzen. Ich fühle mich da völlig fehl am Platz, erhaben, ironisch-königlich. Viel lieber sitze ich auf zu klein geratenen bunten Plastikstühlen in einem Gewühl von zahlreichen anderen, viel zu klein geratenen Plastikstühlen und lasse mich beschallen von den Marktschreiern, die ihr Essen anpreisen, das sie vor meinen Augen kochen. Wo und was soll ich denn jetzt bitte in Deutschland essen?!

Das Reisen bringt seltsame Essgewohnheiten zu Tage.

Während ich früher in eben diese exotischen Restaurants ging und mich verwöhnen ließ, immer etwas Ausgefallenes essen wollte, freue ich mich heute wie ein kleines Kind, wenn ich Magerquark oder einfach ein Butterbrot zu essen bekomme. Oder Kartoffelsalat. Oder eine halb verbrannte Bratwurst. Oder Spinat und Spiegelei. Wenn ich mich aber über dieses Essen freue, schauen mich alle völlig verwirrt an und verstehen die Welt nicht mehr.

Das Reisen hat dazu geführt, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mich mit normalen Menschen zu unterhalten.

Smalltalk. Und, was machst du so? Oberflächlichkeiten, wie „Lass uns bald mal wieder treffen und was zusammen unternehmen!“ Ich hasse es. Smalltalk langweilt mich, denn ihm fehlt der Tiefgang. Die Antworten auf die Frage „Und, was machst du so?“ langweilen mich. Viele Menschen haben gar keine wahren Geschichten zu erzählen. Vielen Menschen fehlt der Tiefgang. Das hat mich früher nicht gestört. Ich habe das früher nicht bemerkt. Ich habe auch nicht bemerkt, dass viele Menschen die ganze Zeit über ihre Arbeit gesprochen haben.
Heute fällt mir das auf und es tut mir unglaublich leid für sie. Es tut mir leid, dass sie nur 30 Tage Urlaub im Jahr haben und diese dann Zuhause in ihren eigenen vier Wänden verbringen. Es tut mir leid, dass sie keine Interessen haben und in ihrem Leben nichts Aufregendes passiert. Das bedrückt mich sehr. Früher war mir das egal. Ich empfand es als selbstverständlich. Ich würde gerne zurück auf meine kleine, naive Wolke der völligen Unwissenheit.

Das Reisen frisst mein ganzes sauer verdientes Geld.

Wenn ich mal wieder eine Reise plane, mein Budget kalkuliere und Flüge buche, überlege ich, ob es nicht sinnvoller wäre, Zuhause zu bleiben, denn mit dem Geld, das ich für das Reisen ausgebe, könnte ich mir so viele schöne Dinge kaufen. Ich könnte mir ein größeres, teureres Notebook kaufen, zusätzlich ein Tablet, eine gescheite Anlage, das angesagteste, neueste Handy oder vielleicht einen Porsche. Ich könnte das Geld auch sparen, damit ich, wenn ich älter und in Pension bin, wirklich richtig viel Zeit habe, auf Reisen gehen und die Welt entdecken kann. Ich könnte aber auch in einer riesigen Wohnung mit Dachterrasse mitten in der Stadt leben, diese voll stellen mit zig Deko-Artikeln und mir einen riesigen Fernseher dazu stellen, mit Blu-Ray, 3D-Funktion und was diese Geräte mittlerweile noch alles können und täglich, von Nachmittag bis spät in die Nacht, den Müll auf RTL oder Pro7 anschauen. Statt dessen verpasse ich diesen und die ganzen Lebensweisheiten von „Bauer sucht Frau“, „Frauentausch“ und „Schwiegertochter gesucht“, bin weit entfernt von up-to-date was Kandidaten in Castingshows und das heißeste Supermodel angeht, weil ich statt vor dem Fernseher zu hängen und mir Sendungen anzuschauen, an irgendeinem Strand abhänge und mir Sonnenuntergänge anschaue. Den x-ten Sonnenuntergang. Wie langweilig! Irgendwann muss man die doch mal satt haben!

Das Reisen hat mir meine Sprache(n) versaut.

Ich rede die meiste Zeit über Englisch. Leider nicht in sauberer, perfekter Grammatik und der entsprechenden Betonungen, wie das als Englischlehrerin angebracht wäre. Meine Fremdsprache wird zum ganz persönlichen Idiolekt. Ich vernuschle Wörter, ich bilde elliptische Sätze, verwende so gar keine fertigen Redewendungen. Ich träume in Englisch. Ich denke in Englisch. Ich spreche ein paar Brocken Spanisch, ohne dabei die Verben zu konjugieren. Das Französisch, das ich beherrsche, hat kein wirkliches Konversations-Niveau – man kann sich mit mir nicht lange auf Französisch unterhalten – aber ich kann in dieser Sprache Tripps planen, Unterkünfte buchen, Essen bestellen, zählen, auf einem Basar verhandeln und nach dem Weg fragen. Was soll ich denn mit einer Sprache, die ich nicht einmal halb beherrsche?! Und, mein Deutsch wird auch immer schwächer. Ich spreche schlechtes Deutsch und habe innerhalb kürzester Zeit einen Akzent in meiner Muttersprache. Häufig fallen mir die einfachsten Wörter meiner Muttersprache nicht mehr ein. Wo soll das hin führen? Ich fürchte meinen eigenen Sprachverfall!

Das Reisen hat mir die Vorsicht und Angst vor fremden Kulturen genommen.

Ja, mir ist schon bewusst: alle Muslime sind Terroristen – ich höre das ja tagtäglich in den Medien. Alle Inder sind Vergewaltiger – auch das hört man immer wieder in den Medien. Ausländer wollen dich immer deines Geldes berauben, dich über’s Ohr hauen, hinter’s Licht führen oder dich in einen Basar locken, um dich dort dann deines Geldes zu berauben. Niemandem darf man über den Weg trauen. Und Frauen sehen sie als Menschen zweiter Klasse, die keine Rechte haben. Blonde, europäische Frauen sehen sie als Lustobjekt und personifizierte Chance, in Besitz eines deutschen Passes zu kommen.
Seit ich reise, finde ich es aber immer schwieriger, Menschen misstrauisch zu begegnen und rassistisch zu sein, immer nur das Böse in ihnen zu sehen. Ich weiß nicht, was da bei mir schief gelaufen ist. Da wäre beispielsweise der Fischer, der mir im Oman geradezu auflauert, als ich an einer felsigen Küste mein Zelt aufschlagen will und mir stattdessen seine Fischerhütte anbietet. Vordergründig schiebt er es auf das Wetter, weil es angeblich noch windiger werden würde, erklärt mir auch, dass die Stelle, die ich mir als Lagerplatz ausgesucht hatte, gefährlich sei, weil es dort Schlangen gebe. Tatsächlich will er mich doch aber nur in Sicherheit wiegen, Vertrauen zu mir aufbauen damit er mich nachts dann in der Fischerhütte ausrauben kann. Oder ein anderer Araber, der, als er mir in seinem Wagen entgegenkommt und dem ich schon von Weitem aufblende, damit er anhält, weil ich mich verfahren habe und mir seit 20km kein Auto mehr entgegen gekommen ist und, anstatt mir den Weg zu erklären, kurzerhand einfach umdreht und mich, mir vorausfahrend, zu meinem Ziel bringt. Sicherlich auch nur fake und ein dummer Zufall, dass ich tatsächlich an meinem Ziel angekommen bin. Er wollte mich sicherlich ursprünglich an einen menschenleeren Ort lotsen, um mich dort zu überfallen. Ein weiterer andersfarbiger Mensch, der mir am frühen Abend zusätzliches Feuerholz bringt, weil er davon überzeugt ist, dass meines über Nacht nicht ausreichen würde – alles geschauspielert. Er tut das nur, um auszukundschaften, ob ich alleine unterwegs bin oder nicht. Oder?!

Das Reisen hat mir viele meiner Träume genommen.

Früher hatte ich eine mega lange Liste von Traumzielen, die ich unbedingt in meinem Leben einmal sehen wollte. Was ist aus dieser Traumliste geworden?! Ich habe nun so viele Dinge von dieser Liste gesehen und sie wird immer kürzer. Ich habe große Angst davor, dass sie irgendwann leer sein könnte. Was bleibt mir denn noch, wenn ich nicht einmal mehr meine Träume habe?!

Das Reisen hat insgesamt dazu geführt, dass ich in vielerlei Hinsicht eine völlig andere Lebenseinstellung habe und kein ’normales‘ Leben mehr lebe.

Mein Leben ist auf den Kopf gestellt worden, die alltägliche Routine, die so viele haben – frühes Aufstehen, zur Arbeit fahren, den halben Tag davon träumen, dass endlich Feierabend oder Wochenende ist, dem Sommer entgegen fiebern, weil man dann endlich zehn Tage all inklusive auf die Malediven fliegen kann – ist dahin. Ich habe sie verloren. Alles ist verdreht. Ich werde nie mehr die Chance auf ein normales Leben haben, nie mehr ein normaler Mensch sein können. Für andere werde ich immer diejenige sein, die irgendwie anders und komisch ist, mit der sie nichts anfangen können, aber vor allem werde ich diejenige sein, die auf dich einen großen Einfluss hat, weil ich dich immer wieder dazu herausfordern werde, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Manu

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