Reise durch Kosovo – Begegnungen, Gegensätze und unvergessliche Momente
Reise durch Kosovo – Begegnungen, Gegensätze und unvergessliche Momente
Ankunft in Kosovo: Der Grenzübergang bei Elez Han
Kosovo ist kein Land, das sich sofort erklärt.
Ich komme über den Grenzübergang bei Elez Han / Blace, lasse Nordmazedonien hinter mir und fahre hinein in ein Land, von dem ich nicht genau weiß, was mich erwartet. Wahrscheinlich schärft dieses Nichtwissen den Blick. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, wo du beginnst, genauer hinzusehen.

Pristina und Peja: Städte zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Pristina, wo ich einen kurzen Zwischenstopp einlege, wirkt zunächst wie viele Hauptstädte, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart festhängen. Nichts drängt sich auf, nichts will unbedingt gefallen. Es ist da – laut, ungeschönt, irgendwie unfertig. Ich bleibe nicht lange, fahre weiter nach Peja, das für die nächsten Tage mein Ausgangspunkt wird.
Hier beginnt eine Reise, die weniger von Sehenswürdigkeiten lebt als von Begegnungen.

Begegnungen, die bleiben
Im Fitnessstudio spricht mich ein Mann an, vorsichtig, fast zögerlich. Er will wissen, ob ich das Gerät noch benutze – Asche auf mein Haupt, ich hab‘ mal wieder zwei Geräte parallel besetzt. Wir kommen ins Gespräch, wechseln vom Englischen ins Deutsche, weil er früher in Österreich gearbeitet hat. Als ich ihm erzähle, dass ich hier auf Urlaub bin, schaut er mich an, als hätte ich gerade etwas völlig Abwegiges gesagt. Urlaub? Hier? Er lacht nicht. Er ist einfach nur überrascht. Und wünscht mir dann ernsthaft eine gute Zeit.
Es ist nicht die einzige Begegnung dieser Art.
Immer wieder erlebe ich, wie respektvoll man mir begegnet. Türen werden aufgehalten, mein Koffer wird getragen, im Straßenverkehr wird gewartet, wenn ich zögere. Es ist eine leise Form von Aufmerksamkeit, die ich so nicht erwartet habe. Kosovo ist mehrheitlich muslimisch geprägt. Es ist lange her, dass ich in einem so muslimisch geprägten Land war. Das letzte Mal vor Guatemala. Ich erinnere mich, dass ich in muslimisch geprägten Ländern immer die respektvollsten, intensivsten und nettesten Begegnungen hatte.
Und gleichzeitig ist da das andere.
Straßen, die plötzlich schlechter werden, Schlaglöcher, die einen zum Anhalten zwingen. Baustellen, die sich kilometerlang ziehen. Müll, der nicht nur am Straßenrand liegt, sondern auch dort, wo man ihn nicht erwartet – in der Natur, in den Bergen, an Orten, die eigentlich unberührt wirken sollten.
Ich fahre in die Rugova-Schlucht, in die sogenannten Verwunschenen Berge. Der Name verspricht viel. Und ja, die Landschaft ist beeindruckend. Rau, weit, still. Und dann liegt da wieder Müll zwischen den Steinen. Es ist dieser Kontrast, der sich durchzieht. Nichts ist nur schön. Aber auch nichts ist nur kaputt.
Kulinarische Momente in Gjakova
In Gjakova parke ich mein Auto und der Parkplatzwächter kann kaum glauben, dass ich als Touristin hier bin. „Warum?“, fragt er mich. „Hier gibt es doch nichts.“ Es ist nicht abwertend gemeint. Es ist ehrlich.
Im Restaurant später verstehe ich kaum etwas. Die Karte hilft mir nicht weiter, die Übersetzung mit Google Lens noch weniger. Also lasse ich einfach die Kellnerin entscheiden. Was an Mahlzeit kommt, ist unkompliziert und gut. Kosovo funktioniert. Auch ohne Sprache. Am Ende zahle ich neun Euro – für eine große Portion Schafskäse, das Hauptgericht, ein Getränk und einen Espresso.
Kloster Visoki Dečani: Geschichte und Schutz
Und dann gibt es Orte wie Prizren oder das Kloster Visoki Dečani.
Das Kloster wird vom Militär bewacht. Zufahrtskontrollen, Ausweisabgabe, Patrouillen. Ich bin überrascht, vielleicht auch irritiert. Die Soldaten erklären ruhig, warum das notwendig ist. Es geht um Schutz, um Geschichte, um Spannungen, die noch immer spürbar sind. Ich bin an einem hohen christlichen Feiertag dort. Und obwohl ich nicht dazugehöre, nicht Teil dieses Systems bin, fühle ich mich sicher.
Kosovo ist ein Land der Gegensätze. Aber nicht im klischeehaften Sinne.
Es sind die kleinen Verschiebungen, die auffallen.
Die teuren Autos mit deutschen Kennzeichen neben Fahrzeugen, die kaum noch fahrtüchtig wirken. Moderne Cafés neben leerstehenden Gebäuden. Menschen, die sagen, ihr Land habe nichts zu bieten – und es gleichzeitig mit einer Selbstverständlichkeit leben, die genau das Gegenteil zeigt.
Ein Straßenhund, der alles verändert
Und dann gibt es diesen einen Moment, der alles verändert.
Ich finde beim Spaziergang in den Bergen einen kleinen Hund am Straßenrand. Viel zu dünn, viel zu schwach, um aufzustehen. Als er versucht, sich zu bewegen, wirkt es, als hätte sein Körper das längst verlernt. Jede Bewegung ist stockend, als wäre er festgeworden in der Position, in der er dort liegt. Wahrscheinlich wurde er angefahren. Vielleicht liegt er schon seit Stunden hier. Vielleicht seit Tagen.
Ich halte an. Erst ein Auto, dann noch eines. Ein Fahrer steigt aus, spricht ein paar Worte Deutsch. Ich erkläre ihm die Situation, zeige auf den Hund. Er schaut hin, zuckt mit den Achseln. Es gebe viele davon, sagt er. Man könne nichts tun.
Ich will das so nicht stehen lassen.
Ein paar Minuten später kommt ein Militärfahrzeug vorbei. Ich winke es heran, erkläre wieder, was passiert ist. Die Soldaten hören zu, ruhig, geduldig. Sie sagen, sie dürften ihren Posten nicht verlassen. Sie würden es weitergeben. Ob das wirklich etwas verändert, weiß ich nicht. Aber in diesem Moment ist es alles, was ich bekomme.
Ich gehe zurück zu meinem Auto. Fahre los. Vielleicht gibt es doch eine Lösung.
Ich suche eine Tierklinik. Finde eine. Erkläre auch dort die Situation. Die Antwort ist sachlich, fast nüchtern: Wenn ich nicht vorhabe, den Hund mit nach Deutschland zu nehmen, können sie nichts tun. Es gebe zu viele. Sie könnten nicht alle retten.
Dieser Satz bleibt hängen.
Ich überlege, zurückzufahren. Den Hund noch einmal zu sehen. Zu diesem kleinen Körper am Straßenrand. Alles sträubt sich in mir, einfach weiterzufahren – und gleichzeitig weiß ich, dass ich genau das tun werde.
Ich kann ihn nicht mit in den Flieger nehmen. Nicht in diesen verbleibenden vier Tagen. Nicht in dieses Leben, das zu Hause auf mich wartet. Da ist bereits ein Hund, den ich gerettet habe. Ein Teil von mir klammert sich an diesen Gedanken. Dass ich wenigstens einem geholfen habe. Dass das etwas zählt.
Aber in diesem Moment fühlt es sich nicht so an.
Und nehme dieses Gefühl mit. Auch noch Tage später überkommt mich ein Gefühl der Schuld, wenn ich an den kleinen Welpen denke. Und dann kommen auch immer wieder die Tränen.
Kosovo zwischen Kontrasten und Ehrlichkeit
Kosovo ist kein einfaches Land.
Aber es ist ein ehrliches.
Das ist genau das, was diese Reise am Ende ausmacht. Nicht die Orte, nicht die Landschaften, nicht einmal die Begegnungen – sondern die Gefühle für Situationen, die bleiben, obwohl man sie nicht lösen kann.


















