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Wenn die Welt ruft...

the dark side of ‚female solo traveling‘

Die Sonne brennt, es ist heiß, die Luftfeuchtigkeit bringt einen fast um. Zwei völlig fertige Mädels und ihr Guide, der sich seines Daseins erfreut, mitten im tiefsten Dschungel Boliviens, drei Stunden Bootstour entfernt vom letzten Handysignal. Kontinentswechsel: Ein Einheimischendorf in den Bergen von Vietnam. Irgendwo westlich von Da Lat. Die Menschen sprechen meine Sprache nicht. Zeichensprache ist notwendig. Wir sitzen auf Lehmboden in ihrer Hütte, versuchen uns, irgendwie zu unterhalten. Sie bieten mir etwas zu essen aus einem ausgehöhlten Ast an. Es schmeckt nach einer Mischung aus Thunfisch und Ingwer. Die Zeichensprache ergibt: Es ist Ratte mit Ingwer. Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet. Erneuter Kontinentswechsel: Mein Versuch, an einem Sandstrand im Oman ein Zelt aufzubauen, wird von einem Ranger unterbrochen, der mich vor Schlangen warnt und mir statt dessen und wegen des aufkommenden heftigen Windes, der mir wahrscheinlich in der Nacht das Zelt unter dem Hintern wegwehen würde, seine Fischerhütte als Übernachtungsmöglichkeit anbietet. Kein Schloss für die Tür, keine Heizung, keine Matratze, aber wenigstens fließend kaltes Wasser und ein brummender Generator. Ich, der Ranger und ein paar Schildkröten. Zwei Nächte später: In einem Dorf spricht mich beim Mittagessen ein Einheimischer an, weil ich mich dort nach einer Übernachtungsmöglichkeit am Strand erkundigt hatte. Das halbe Dorf ist in Aufruhr, weil sich eine Touristin im Restaurant aufhält. Mein Gesprächspartner kennt den „white beach“, sagt aber auch, dass ich ihn alleine nicht finden würde – er behält recht, niemals hätte diesen Ort gefunden. Ich fahre ihm hinterher. Ein wenig mulmig ist mir ja schon zumute. Aber man kann nicht immer vom Negativen in Menschen ausgehen und ich versuche, meine typisch deutsche Haltung mal für ein paar Minuten zu ignorieren. Ein paar Stunden später bringt er Feuerholz. Er sagt, er sei davon ausgegangen, dass meines nicht allzu lange reichen würde. Wieder hatte er Recht – mein Feuer ist kurz vor dem Erlöschen.
Geschichten, die das Reisen schreibt. Geschichten von Menschen und mit Menschen. Von Mitmenschen. Für einen Bruchteil von Sekunden überlege ich mir, was wo hätte alles passieren können. Hätte. Könnte. Sollte. Ich schiebe den Gedanken beiseite.
Es sind Geschichten, die man immer wieder und überall zum Besten geben und dadurch alle Zuhörer zum Lachen bringen oder zumindest wunderbar unterhalten kann. Jedes von mir bereiste Land hat mindestens eine solche Geschichte. Es sind Geschichten, an die ich mich immer wieder gerne zurück erinnere und mit denen ich meine Reise verbinde.
Aber es gibt auch Geschichten, über die niemand spricht, vielleicht niemand sprechen möchte. Unbequem. Ungewiss. Unerhört. Und ja, irgendwie gruselig.

Snap back to reality. Oh, there goes gravity. Es ist eben nicht immer alles Gold, was glänzt. Und Reisen hat manchmal auch seine Schattenseiten.

Vor gerade mal zwei Wochen wurde ich auf Facebook auf einen Artikel aufmerksam. Eine junge Britin wird in Dubai vergewaltigt. Von zwei Briten. Sie geht zur Polizei, um die Tat anzuzeigen. Dann der Schock: Sie wird selbst festgenommen. Der Vorwurf: „Außerehelicher Sex“. Ihr droht nun eine Anklage. Die Strafe in den Emiraten für ein solches Vergehen: Haft, Auspeitschen, teilweise auch Steinigung. Kein Einzelfall.

2015 hört man immer wieder von Vergewaltigungen an Frauen in Indien. Die Vergewaltigung der indischen Studentin in Delhi, die dänische Reisende in Pahar Gani, dem Travellerviertel in Delhi, oder die beiden deutschen Touristinnen in Goa.

Im Februar 2016 werden zwei Europäerinnen in Australien in einem Nationalpark überfallen. Eine der Frauen kann entkommen, wie ein Artikel informiert. „Er wird uns umbringen“, rief die junge Frau in Panik. Nackt und blutend flüchtete sie sich zu einer Gruppe Australier, die im Coorong Nationalpark 150 Kilometer südöstlich der südaustralischen Hauptstadt Adelaide beim Fischen waren. „Erst hat sie nur gewunken“, […] dann sei die Frau schreiend auf ihr Auto zu gerannt. „Sie öffnete die hintere Tür, sprang hinein und rief: ‚Bringt mich hier weg, bringt mich hier weg, er wird uns alle töten.‘“
Im März 2016 werden zwei Backpackerinnen in Ecuador zuerst vergewaltigt und dann brutal getötet. Marina Menegazzo und María José Coni wollten nichts anderes als von Lima nach Ecuador zu reisen. Immer der Küste entlang. Bis zu dem Tag, als sie am Strand überfallen wurden. Ihre geschundenen Körper fand man in Plastiktüten. Die Täter: Zwei Männer. Ihr Motiv: Die jungen Frauen hatten sie abgewiesen, als sie zudringlich wurden.
Vor einigen Monaten las ich auf Facebook von einer deutschen Frau, die nachts im Zimmer ihres Hostels wach wird, weil sich der Besitzer des Hostels an ihrer Freundin vergehen möchte. Als sie ihn zu stoppen versucht, sagt er zu ihr, er könne, wenn sie eifersüchtig sei, auch mit ihr beginnen. Erst als sie anfängt, lautstark herumzuschreien, entfernt er sich aus dem Zimmer.

Solche Fälle schockieren mich. Solche Fälle jagen mir eine Heidenangst ein. Ich frage mich, wieso ich bisher verschont geblieben bin. Glück? Zufall? Einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Und wie reagiert die Welt auf solche Geschehnisse? Anstatt Mitgefühl gibt es für die Opfer häufig nur frauenfeindliche Kommentare. Shitstorm. Victim Bashing. Im Fall der Britin in Dubai Schuldzuweisungen á la wer so dämlich sei, in einem arabischen Land eine Vergewaltigung anzuzeigen, hätte es nicht anders verdient als selbst verurteilt zu werden. Im Fall der beiden Backpackerinnen in Ecuador lassen sich die Medien darüber aus, dass die beiden Frauen ja „alleine“ unterwegs gewesen seien. Zwei erwachsene Frauen, die zusammen durch Südamerika reisen. Trotzdem waren sie „alleine“. „Alleine“ womit? Wer oder was fehlte ihnen denn? Sie waren doch zu zweit. Im Internet wurde ihnen Fahrlässigkeit vorgeworfen, es wurde die Frage gestellt, wieso sie ohne männliche Begleitung reisten, Spekulationen darüber wurden angestellt, ob sie vielleicht Drogen oder Alkohol zu sich genommen hätten. Man gab ihnen die Schuld an ihrem eigenen Tod. Victim Blaming. Victim Bashing vom Feinsten. Davon bekamen die beiden Frauen Gott sei Dank nichts mehr mit. Von dieser Doppelmoral. Von diesem Sexismus. Von diesem Machismus.

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Gegen solche Anfeindungen, fiesen, völlig unnützen Kommentare können sich die beiden Frauen nicht mehr wehren. Doch Guadalupe Acosta, eine Paraguayanerin, gab den Opfern eine Stimme, in dem sie einen offenen, fiktiven Brief aus der Sicht eines der Opfer veröffentlichte. Es ist ein Aufschrei, der mehr als deutlich zeigt, mit welch einer Doppelmoral wir es hier zu tun haben: Schuld der Opfer allein aufgrund ihres Geschlechts.

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“Gestern wurde ich getötet. Ich wollte nicht zulassen, dass sie mich anfassen, und sie zertrümmerten meinen Schädel mit einem Holzstock. Sie versetzten mir einen Messerstich und ließen mich verbluten.
Wie Müll steckten sie mich in einen schwarzen Plastiksack, eingerollt in Klebeband, und warfen mich an den Strand, wo ich Stunden später gefunden wurde.
Doch noch schlimmer als der Tod war die Demütigung, die danach kam. Nachdem mein lebloser Körper gefunden wurde, fragte sich niemand, wo der Hurensohn sei, der meinen Träumen, meinen Hoffnungen und meinem Leben ein Ende setzte. Nein, man stellte mir lieber unnütze Fragen. Mir, könnt ihr euch das vorstellen? Einer Toten, die nicht mehr sprechen kann, die sich nicht mehr verteidigen kann.
Welche Kleidung trug sie? Warum war sie allein unterwegs? Wie kann eine Frau nur ohne Begleitung verreisen? Sie war in einer gefährlichen Gegend unterwegs, was hat sie erwartet? Sie machten meinen Eltern Vorwürfe, weil sie mir Flügel gaben; weil sie zuließen, dass ich unabhängig sein kann, wie es jedem Menschen zusteht. Sie sagten ihnen, dass wir sicher Drogen genommen hätten und es herausforderten; dass wir etwas angestellt hätten und dass sie uns hätten überwachen sollen.
Und erst jetzt als Tote verstehe ich, dass ich für die Welt nicht das gleiche wert bin wie ein Mann. Dass ich an meinem Tod selbst schuld bin. Hätte die Schlagzeile “Zwei junge Backpacker ermordet” gelautet, dann hätten die Leute ihr Beileid bekundet und in ihrer heuchlerischen Doppelmoral die Höchststrafe für die Mörder gefordert. Aber weil ich eine Frau bin, ist es schon nicht mehr so schlimm, weil ich es ja darauf ankommen lassen habe. Da ich einfach machte, was ich wollte, bekam ich das, was ich verdiente. Weil ich nicht unterwürfig war, nicht zuhause bleiben wollte, und mein eigenes Geld in meine Träume investierte. Dafür und für vieles mehr wurde ich verurteilt.
Und ich leide, weil ich ja schon nicht mehr da bin. Aber Du bist da. Und Du bist eine Frau. Und Du musst weiterhin das Gequatsche ertragen, dass Du “anständig” sein musst, um Respekt zu verdienen; dass es Deine Schuld ist, wenn Männer Dir auf der Straße zurufen, dass sie eines Deiner Geschlechtsteile anfassen, lecken oder saugen wollen, weil Du bei 40 Grad Hotpants trägst; dass alleine reisen “verrückt” ist. Und wenn Dir irgendetwas zustößt, werden sie sicherlich deine Rechte mit Füßen treten, da Du es ja provoziert hast.
Ich bitte Dich: erheb Deine Stimme für mich und alle Frauen, die mundtot gemacht wurden und deren Leben und Träume zerstört wurden. Lasst uns kämpfen, ich im Geist an Deiner Seite, und ich verspreche, dass wir eines Tages so viele sein werden, dass es nicht genügend Plastiksäcke geben wird, um uns zum Schweigen zu bringen.”

Und nun?! Ich könnte es nicht besser auf den Punkt bringen als erneut Acostas Worte zu verwenden: “There are hundreds of laws under which (women) are treated as equals. But while that’s the law, the real world is something else. We must all start practising more empathy, put ourselves in the heads of others and try to understand. Only this way will we achieve real change.

Ob wirkliche Veränderungen tatsächlich möglich sind, erscheint mir unwahrscheinlich. Empathie gibt es genug. Es wurde geradezu eine Welle ausgelöst. Allerdings nur im Internet, zum Beispiel unter dem Twitter-Hashtag #viajosola (I travel alone). Man wird sehen, wie lange es dauert, bis es in der realen Welt ankommt, wenn es in der realen Welt ankommt.

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Und was mich angeht, ja, auch ich habe diese Empathie. Auch ich bin schockiert über all diese Geschehnisse. Schockierter aber vielmehr noch über die nicht vorhandene Berichterstattung (die Artikel lassen sich an einer Hand abzählen, über die Geschehnisse in Dubai zu erfahren, war purer Zufall), das Totschweigen der Medien oder aber auch die Tatsache, dass die einschlägigen Medien von solchen Geschehnissen nicht berichten und am schockiertesten darüber, wie teilweise damit umgegangen wird, welche Reaktionen es auslöst.

Lasse ich mich deswegen vom solo traveling abhalten? – Nein! Bereise ich deswegen bestimmte Kontinente oder Länder nicht mehr? – Nein, definitiv nicht. Bin ich deswegen blauäugig? – Nein! Sicher nicht!
Das Spiel „Hätte. Könnte. Sollte.“ habe ich vor langer Zeit zu spielen aufgehört. Und so werde ich auch weiterhin immer wieder in die Welt aufbrechen. Sie ist viel zu schön und abenteuerlich, um es nicht zu tun.
Aber ich werde nicht die Augen davor verschließen, dass frauenspezifische Gewalt immer noch ein riesiges Problem in unserer Welt ist. Und du solltest es auch nicht – weder das eine noch das andere!

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8 Kommentare auf "the dark side of ‚female solo traveling‘"

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Dorie
Gast

Wow wahnsinnig bewegender Artikel. Jetzt habe ich einen Klos im Hals. Von all diesen Grauentaten habe ich nie was gehört, abgesehen von der Frau in Dubai. Gut, dass du aufrüttelst und erinnerst und ich hoffe es werden noch viele diesen Artikel lesen und sich bewusst machen, wie ungleich unsere Moral doch ist.
Liebe Grüße, Dorie

Franzi
Gast

DANKE DANKE DANKE! Für deinen wichtigen toll geschrieben Artikel!
Frauenspezifische Gewalt ist leider and der Tagesordnung für die allermeisten Frauen auf der Welt. Alleinreisende Frauen sind eine zusätzliche ‚verletzliche‘ Gruppe. Aber ich teile deine Einstellung das trotz allem oder gerade deswegen wir uns als Frauen nicht verstecken sondern das Gegenteil machen nämlich die Erde die uns allen zusteht zu entdecken. In Indien gibt es eine feministische Bewegung die soziale Orte die nicht mehr von Frauen aufgesucht wird wieder in Gruppen zu besuchen um zu zeigen das öffentlicher Raum für alle zugänglich sein sollte. Für mich hat das Reisen alleine oder in Frauen gruppen auch immer etwas mit Emanzipation zu tun:) ganz liebe Grüße aus Uganda!

Mama
Gast

Mein lieber Herr Gesangverein. Das ist alles richtig schockierend. Vielleicht kannst Du „die Mama “ verstehen wenn ich immer wieder froh wenn Du von Deinen Reisen zurück bist.
Dennoch wünsche ich Dir viel Spaß bei der Vorbereitung Deiner nächsten Reise. Ich weiß Du wirst immer umsichtig und nie leichtsinnig sein. Du warst schon immer wissbegierig, neugierig, extrovertiert und ein „nein“ ohne Diskussion gab’s für Dich eigentlich niemals. Also würde ich nie versuchen Dich zu „Thomas-Cook-Reisen“ zu überreden. ?
Ich bin immer froh während Deinen Reisen um die Welt in Deinem Blog zu lesen. Dann weiß ich es geht Dir gut.
Gruß
Mama

Poisonpainter
Gast

Erschreckend zu lesen, was in anderen Ländern vor sich geht, auch wenn ich ehrlich sagen muss, dass ich mir selten bewusst darüber Gedanken mache. Vor allem weil ich denke, dass ich sowieso nicht dem typischen „Beuteschema“ entspreche. Bisher bin ich allerdings auch nicht aus Europa rausgekommen… Ein ungutes Gefühl beschleicht mich dennoch manchmal, wenn ich über meine geplanten Reisen und unsere möglichen Unterkünfte nachdenke. Haben wir uns die richtige Gegend ausgesucht? Wird alles gut gehen? Usw. sind dann die Fragen, die mir durch den Kopf gehen.
Was ich mir aber nicht nehmen lasse: Zu Reisen mit wem ich will und dadurch sind wir meistens so zwei/drei Frauen, die zusammen die Gegend unsicher machen. (Das Wortspiel war grade nicht beabsichtigt, aber ich ist interessant, dass wir diese Phrase haben, wenn es um Erkundungen geht, es suggeriert ja, dass der Reisende selbst für die Unsicherheit sorgt. 😉 ) 🙂

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