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Wenn die Welt ruft...

When East meets West: Begegnungen in Bosnien-Herzegowina

Finally reaching Sarajevo

Es ist 19:45 Uhr, als ich Sarajevo erreiche. Es ist stockdunkel. Mehrfach habe ich mich auf dem Weg zu meiner Unterkunft verfahren. Immer wieder zeigt mir Google Maps Straßen an, die ich nicht befahren darf. Immer wieder werde ich in entgegengesetzer Richtung in Einbahnstraßen gelotst. Immer wieder lande ich auf unbekannten Straßen. Es ist stockdunkel auf den Straßen. Eine Straßenbeleuchtung gibt es nicht.

East meets West

Als ich anhalte und zwei ältere Herren nach dem Weg frage, weil mich Google Maps in die Walachei schickt und ich der Navigation nicht mehr traue, sagen sie mir, ich könne die Straße nicht weiter befahren, weil weiter vorne die Straße zu Ende sei. Sie helfen mir beim Wenden auf der schmalen Straße, versuchen mir mit Händen und Füßen, Zeichensprache – ein Finger für erste Straße, zwei Finger für zweite Straße – den Weg in die Stadt zu erklären.

East meets West

East meets West – Teil 1: Hotel Herc

Eine Geschichte, die den Nährboden zur Bestätigung von Vorurteilen bietet

Endlich komme ich in meiner Unterkunft, dem Hotel Herc an. Gebucht habe ich für zwei Nächte. Im Vorhinein habe ich Bescheid gegeben, dass es spät werde würde. Als ich das Hotel erreiche, sitzen zwei Damen der Marke Balkan-Schnepfe vor dem Hotel. Blondierte Haare. Absatzschuhe. Zigarette im Mund. Bierdosen auf dem Tisch. Handy in der Hand. Eine der Damen springt auf, begleitet mich zur Rezeption. Ich checke ein. Noch bevor ich den Schlüssel habe, fragt sie mich, ob ich meinen Aufenthalt bereits jetzt in bar bezahlen könne. Kann ich nicht. Ich habe nicht so viel Bargeld dabei. Würde ich auch nie tun, bevor ich nicht das Zimmer gesehen habe. Ich laufe in den dritten Stock, stelle mein Gepäck ab, möchte mir die Hände waschen. Kein Wasser. Ein Grummeln ist zu vernehmen. Sonst passiert nichts. Ich probiere den Wasserhahn in der Dusche. Kein Wasser.

East meets West

Ich gehe nach unten. Die Dame kommt herein, als sie mich sieht. There is no water in the bathroom. Sie geht in die Küche des Restaurants, lässt die Tür geöffnet, so dass ich sie sehen kann, zieht demonstrativ den Wasserhahn.  Wasser. Sie schaut mich fragend-arrogant an. Still, there is no water in my bathroom. Sie zieht erneut den Wasserhahn. Wasser. Ich komme mir blöd vor. Stille. Dann erklärt sie mir, dass ab 19:30 Uhr auf den Zimmern das Wasser abgeschaltet sei. Es würde morgen Früh wieder funktionieren. Ich entgegne, dass ich Bescheid gegeben hätte, dass ich später käme, gerade angekommen sei, mir gerne die Hände waschen wolle. Sie bittet mich zum Händewaschen in die Küche. Apart from that, I would also like to take a shower. Schließlich erklärt sie mir, dass es  ein Problem mit dem Wasser in der Stadt gebe.

East meets West

Irgendjemand lügt. Mein Bauchgefühl sagt mir: Verschwinde von hier! Ich schaue sie an. Ich schaue auf den Wasserhahn. Schaue wieder sie an. There is a problem with the water in the city?Ähhh, yes.Okay, I am checking out now. Drehe mich um, laufe nach oben, hole meine Sachen aus dem Zimmer, lege ihr den Schlüssel hin und empfange ein Good luck. Ich ignoriere es. Have a nice evening. Ich ignoriere es ebenfalls. Goodbye. Auch das ignoriere ich. Und während ich zu meinem Auto laufe, trällert eine ironische Stimme in meinem Kopf: Hier willst du also zwei Tage bleiben?

Welcome to Sarajevo?

East meets West

When East meets West – Teil 2: Hotel VIP

Ich fahre in die Stadt runter. Parallel zur Hauptstraße der Altstadt sehe ich ein Schild Hotel VIP, ein Sackgassen- und ein Parkplatzschild. Spontan setze ich den Blinker. Ein Versuch ist es wert. Irgendwie wirkt es sympathisch. Etwas unscheinbar. Etwas versteckt. Wenig aufdringlich.

 

Ich gehe hinein und werde herzlich empfangen. Dass ich zur Begrüßung von der mit knallroter Farbe gefärbten Dame nicht umarmt werde, ist fast schon verwunderlich. Ich sei auf der Suche nach einem Zimmer. No problem, my dear. Wait a second. Sie klickt sich durch den Computer. Macht mir ein Angebot von 50 Euro pro Nacht inklusive Frühstück (auf der Homepage: 60-90 Euro pro Nacht) und allem, was ich sonst vielleicht noch so bräuchte. Ich würde gerne das Zimmer sehen. Sie packt zwei Schlüssel ein. Vorsorglich. Als sie aufsteht und mich zum Fahrstuhl begleitet, muss ich unweigerlich grinsen. Absatzschuhe. Knallenge Jeans. Dritter Stock.

East meets West

Das Zimmer – ein Traum. Großes Bett, Kühlschrank, großes, helles Bad, Balkon… fließendes Wasser. Ich buche zwei Nächte mit der Option auf drei. Sie reserviert mir das Zimmer für eine dritte Nacht mit der Möglichkeit der kostenfreien Stornierung. Für mein Auto organisiert sie jemanden, der es wegbringt – der Parkplatz gehört nicht zum Hotel – und versorgt mich mit Infomaterial über Sarajevo, gibt mir Ratschläge, wann ich was am besten machen könne, wann ich am besten am Vormittag starte, dass ich jederzeit mein Auto haben könne, zeichnet auf eine Karte alle wichtigen Punkte der Stadt ein, wünscht mir eine gute und erholsame Nacht und ein leckeres Frühstück.

Welcome to Sarajevo!

East meets West

Als ich den Frühstücksraum am nächsten Morgen betrete, werde ich überschwänglich begrüßt. Mir sitzt noch ein wenig die Erfahrung des vergangenen Abends im Nacken. Ich bin skeptisch. Die Skepsis verfliegt innerhalb von Sekunden. Ich erhalte meinen Kaffee. Ein wenig Smalltalk. Dann frühstücke ich in Ruhe.

East meets West

Bevor ich das Hotel für meine Tour durch die Stadt verlasse, buche ich eine dritte Nacht. Wenn die Freundlichkeit aufgrund der Unsicherheit der Buchung erfolgte, dann dürfte sie jetzt vorbei sein. Ist sie nicht. Auch in den kommenden Tagen vernehme ich bei den Mädels eine Herzlichkeit, die ich in dieser Intensität selten so erlebt habe. Überdies bekomme ich immer wieder Tipps, kleinere Hilfestellungen und immer wieder zwischendurch Kaffee. Danke, Mädels!

When East Meets West – Teil 3: Auf der Straße

Aber nicht nur in meiner Unterkunft, wo man ja argumentieren könnte, der Kunde sei ja König und Service müsste an erster Stelle stehen, diese riesen Freundlichkeit und überschwängliche Herzlichkeit geschieht auch auf der Straße.

Da ist die Schneiderin, die hinter ihrem Schaufenster sitzt und arbeitet. Das Schaufenster mit den Blumen gefällt mir. Ich fotografiere es und übersehe sie völlig dabei. Erst als ich eine Bewegung hinter dem Fenster ausmache, bemerke ich die Frau. Kurzerhand gehe ich zu ihr. Sorry, I liked your window. – Don’t worry! Have a nice day.

East meets West

Da ist die ältere Kassiererin im Supermarkt, die mich fragt, woher ich käme und dann auf Deutsch mit mir über Gott und die Welt erzählt, so dass die Menschen, die hinter mir an der Kasse stehen, langsam ungeduldig werden.

Da ist der alte Mann am Infoschalter des Bus Terminals, der weder Englisch noch Deutsch kann, der aber dann seinen Kumpel herbeiruft, der mir erklärt, wie ich am besten zum Tunel of Life komme. Es gäbe ein Problem mit dem Bus (Bus, finish!) und der Straße. Er zeigt mir verschiedene Möglichkeiten auf, die alle aus mehr als drei Kilometern laufen bestehen und rät mir schließlich zu einem Taxi.

East meets West

Da ist der Taxifahrer, der mich zum Tunel bringt. Als ich ihn frage, wie ich hier an ein Taxi kommen solle, entgegnet er mir, ich solle vom Museum eines anrufen lassen, überlegt dann kurz, bietet mir schließlich an, auf mich zu warten und mich wieder zurück zu bringen. Ohne Aufpreis. Als ich ihn frage, ob das wirklich okay für ihn sei, zeigt er auf die Zeitung, die neben ihm auf dem Beifahrersitz liegt, lacht, yes, yes!

East meets West

Da ist der Künstler in der Stadt, dessen Bilder ich fotografiere und der sich dann bei mir dafür bedankt, dass ich sie schön finde und fotografiert habe. Mach’ das mal in Heidelberg bei einem dieser Straßenzeichner – da kannst du von Glück reden, wenn du nur angepöbelt wirst!

East meets West

Da ist der Mann am Ticketschalter der Straßenbahn, der mir zuerst erklärt, dass ich mein Ticket um die Ecke kaufen müsse, dann seinem Kumpel im Schalter etwas entgegenruft und es sich dann nicht nehmen lässt, mein Ticket eigenhändig zu entwerten.

East meets West

Da ist der Verkäufer in der Markthalle, der obwohl er weiß, dass ich keine Wurst und kein Fleisch im Handgepäck nach Hause transportieren kann und daher ein Kauf seiner Waren für mich nicht in Frage kommt, mich einmal durch sein Salami-Sortiment füttert und noch eine Scheibe nachlegt, als ich ihm sage, dass es keine zehn Minuten her sei, dass ich Baklava gefuttert hätte.

East meets West

Da ist der Kellner im Fast Food Restaurant, der mir zwei Daumen hoch gibt, als er sieht, wie ich meine Pide mit Cavapcici esse und der mir, als ich gehe, vom einen zum anderen Ende des Ladens herzlich hinterheruft: Ciao, Madam! Ciao! Have a nice day!

East meets West

Da ist der Kontrolleur in der Straßenbahn, der keine zehn Sekunden vor mir stehen bleibt und nicht darauf wartet, dass ich mein Ticket aus meinem Geldbeutel heraussuche, sondern It’s okay sagt und weiter geht.

 

When East Meets West – Teil 4: Polizei

Und dann sind da die beiden Polizisten, die mich wegen überhöhter Geschwindigkeit – ich habe mit 35km/h zu schnell drei Autos und zwei LKW auf einmal überholt – raus ziehen. Völlig zurecht. Ich gestehe direkt. Ich habe meinen Tachostand ja selbst gesehen. Ich hatte nur die Schnauze voll vom Rumgeschleiche auf der Straße. Zuerst wollen sie 50 Euro kassieren. Völlig in Ordnung. Zuhause wäre für die nächsten Wochen laufen angesagt gewesen.

East meets West

Und weil mir kalt ist, bieten sie mir ihren Thermoskannentee an, lachen über meine blöde Aktion, quatschen mit mir, nennen mich “Stars” wegen meiner Tättowierung auf dem Unterarm, drücken mir dann 30 Euro in die Hand, wünschen mir schöne Tage in Bosnien, schreiben mir eine Handynummer für Notfälle auf und legen für einige Sekunden den ganzen Straßenverkehr lahm, damit “Stars” sich problemlos wieder auf der Landstraße einfädeln und weiter fahren kann. 

East meets West

Was ist hier los? Ich habe in der Vergangenheit wahrlich viel erlebt, was Begegnungen mit Menschen angeht, aber das hier sprengt irgendwie alles. Es ist geballt. Es geschieht fast minütlich. Und irgendwie ist es ganz unfassbar ehrlich.

Welcome to Bosnia-Herzegovina!

 


MostarTrebinje – Sarajevo: Altstadt von Sarajevo / Sarajevo Tunnel

Meine Highlights in BiHMeeting of Cultures: Die Menschen in BiH – Fotoparade 2-2017