Neither am I brave nor lucky – I just set priorities!

Neither am I brave nor lucky – I just set priorities!

Jedes Mal, wenn ich über eine Reise nachdenke, eine Reise plane und schließlich auf Reisen gehe, sagen mir zahlreiche Freunde, wie sehr sie sich wünschen würden, das zu tun, was ich tue. Sie sagen mir, dass ich mutig sei. Sie sagen mir, dass ich mich glücklich schätzen könne. Sie sagen mir, welch tolles Leben ich führen würde, dass sie wahnsinnig gerne mit mir tauschen würden und sie sich unglaublich danach sehnen würden, mehr von der Welt sehen zu können.

Gerne würde ich diese Komplimente annehmen und sagen: „Zum Teufel, ja, ich bin so verdammt mutig! So viel viel mutiger als irgendein anderes Mädchen da draußen. Ich bin so dermaßen von Glück erfüllt, dass es aus jeder einzelnen Pore meines Körpers herausströmt.“

Rast auf Flores

In Wirklichkeit ist es aber so, dass ich jedes Mal einen riesigen Respekt habe, wenn ich abreise. Den Abend vor dem Abflug überlege ich mir, ob ich mich von meinen Liebsten verabschiedet und ihnen gesagt habe, wie lieb ich sie habe. Abschiede schmerzen. Immer. Ausnahmslos. Auch dann, wenn meine Reisen kurz sind und ich die Gewissheit habe, dass ich in ein paar Tagen wieder Zuhause sein werde. Mit ungeklärten Situationen oder Ungewissheiten auf eine Reise aufzubrechen, nicht mehr auf etwas reagieren zu können – für mich kaum aushaltbar. Der Schwebezustand würde mich umbringen, wahnsinnig machen, nicht abschalten lassen können. Denn Ungewissheiten und Schwebezuständen begegne ich immer wieder auf meinen Reisen.

Straßenmarkt in Jakarta

 

Unzählige Male wurde ich an Grenzübergängen schon über den Tisch gezogen, weil mir für ein Visum mehr abgerechnet wurde als es tatsächlich kostete. Unzählige Tuk Tuk-Fahrer haben mich schon für völlig überteuerte Preise von A nach B gebracht. Unzählige Busse habe ich bestiegen, die entweder zu völlig irrsinnigen und unzuverlässigen Fahrzeiten abfuhren oder gar nicht, eine Panne hatten, Zwischenstopps nicht einhielten, die zuvor angegeben waren. Ich hatte mit Busfahrern zu tun, die mich mitten in einem seltsam anmutenden Vorort einfach aus dem Bus warfen und mir zu verstehen gaben, dass ich nun am Ziel angekommen sei, um dann wenige Sekunden später, das festzustellen, was eigentlich vorher schon klar war, nämlich dass dies nicht der Wahrheit entsprach, sondern der Busfahrer in Wirklichkeit mit einer travel agency, die zufälligerweise exakt auf der anderen Straßenseite ihren Sitz hatte, eine Absprache über Provisionen hatte, die er bekommt, wenn er Touris bringt, die dort eine Fahrt buchen.

Seitenstraße in Istanbul

Ich könnte auf diese Weise unendlich lange weiter erzählen. Von verspäteten Flügen, frühmorgendlichen Ankünften an Flughäfen und nicht erfolgten nächtlichen Abholungen. Von Situationen, wie mutterseelenallein nachts um zwei in einem fremden Land am Ausgang eines Flughafens zu stehen, die einzigen Menschen um mich herum: Einheimische, die genauso düster aussehen wie die Menschen, die sich nachts in der Frankfurter Bahnhofsgegend herumtreiben.

Von angeblichen street passing-Gebühren, die zu entrichten sind, um diese und jene Straße befahren zu dürfen. Begibt man sich am nächsten Tag erneut an diesen Ort, steht da niemand mehr.
Von Parkgebühren, die vor Einreise zu bezahlen sind, während man kurz darauf feststellt, dass Parken kostenlos ist.

Von Taxifahrern, die nach einer total irren Taxifahrt, während welcher man Mühe hatte, nicht die Lufthansa-Kotztüte mit der x-ten Thai Soup zu füllen, weil man die vergangenen Tage nichts anderes zu essen bekommen hat, auch noch völlig dreist ein Trinkgeld verlangen und ausfallend werden, wenn man dies verweigert.
Von Grenzbeamten, denen man 30 Baht in den Reisepass legt, um an der langen Einreiseschlange am Visum-Schalter nicht länger warten zu müssen, einem nett lächelnd zu verstehen geben, dass man noch einen Zehner drauf packen sollte. Überraschend finde ich all das schon lange nicht mehr – es ist business as usual. Man erkennt die Finten lange vorher und ist doch irgendwie machtlos.

Abendessen beim Inder in Kuala Lumpur

Nein, ich kann mich nicht glücklich schätzen, dass ich reise und nein, ich bin auch nicht besonders mutig – um ehrlich zu sein, bin ich manchmal sogar ein richtiger Schisser. Ich habe das Reisen nur zu meiner Priorität in meinem Leben gemacht.

shopping in Trier?!

Ich spare Geld. Ich kaufe keinen teuren Fernseher, kaufe mir kein neues Auto, koche lieber Zuhause anstatt in Restaurants essen zu gehen, ich kaufe keine Drinks in Bars und Nachtclubs, ich sale-shoppe. Warum? – Weil ich festgestellt habe, dass mich Dinge zu kaufen und Dinge zu besitzen nicht glücklich macht – Reisen tut es.

Flores

Ich bin nicht mutig, weil ich reise. Ich habe mich lediglich dazu entschieden, mich nicht von meinen Ängsten davon abhalten zu lassen, mir meine Träume zu erfüllen. Ich habe mich gegen ein Leben in der Komfortzone entschieden.

Rollertour in Vietnam

Für Deutsche ist Reisen nicht unbedingt eine Priorität. Kulturell betrachtet wurden wir zum Konsum erzogen, dazu, unseren Kreditkarten regelmäßig Feuer zu geben, ständig über unsere Verhältnisse zu leben, Dinge anzuschaffen, die wir nicht brauchen, um damit Dinge zu kompensieren, die wir nicht haben. Wir bezahlen Studentenkredite, Darlehen oder Hausfinanzierungen ab, richten unsere Wohnung oder unser Haus komplett mit einer Nullprozent-Finanzierung ein. Die Medien jagen uns eine Heidenangst damit ein, dass sie versuchen, uns davon zu überzeugen, dass der Rest der Welt ein wirklich angsteinflößender Ort ist.

Uyuni Isla Incahuasi

Aber nur weil ich etwas mache, das nun nicht unserer ach-so-typisch-deutschen Norm entspricht, bedeutet das nicht, dass ich besonders mutig bin oder mich glücklich schätzen kann.

Salar de Uyuni

Jeder andere Mensch kann dies nämlich auch. Jeder kann sparen, sein Geld bewusst ausgeben, Reisen zu seiner Priorität machen, sich gesellschaftlichen Normen entgegenstellen. Jeder kann genau das tun, das ich tue.

Borobudur in Yogyakarta

Wenn du also darüber nachdenkst, etwas in deinem Leben zu verändern, wenn du darüber nachdenkst, auf Reisen zu gehen, wenn du darüber nachdenkst, etwas mehr von der Welt sehen zu wollen, dann tu‘ es doch einfach. Zieh‘ hinaus in die Welt. Ich bin in dieser großen, weiten Welt jedenfalls bisher noch niemandem begegnet, der mir sagte: „Uuuhhh, ich wünschte, ich hätte diese Reise nicht unternommen. Ich wünschte, ich wäre Zuhause in meinen eigenen vier Wänden geblieben. Es war ein Fehler.“

Folge deinen Träumen, ignoriere die Neinsager, lass‘ dich nicht von gesellschaftlichen Maßstäben von irgendetwas abhalten. You only get one shot in life. Einen einzigen.

Also, sei un-brave, sei un-lucky, aber tu‘, was dir gefällt und schau dir die Welt an.

 

 


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